00:00:00: Damals, Geschichte und Geschichten aus dem Landkreis Böblingen.
00:00:05: Längst vergangene Zeiten spannend und lebendig erzählt Experten im Gespräch mit Hansjörg Jung und Hansjorgsurm von der Sintelfingerzeitung Böbinger Zeitung.
00:00:18: Hallo Anzurg!
00:00:20: Was
00:00:20: haben wir denn heute im Podcast?
00:00:22: Heute haben wir eine ganz spannende Geschichte und zwar lässt es sich überschreiben wie der Daimler nach Sintelfingen kam Und der Stadthistoriker Horst Zecher erzählt da die Geschichte, die sehr spannend ist.
00:00:37: Dann horchen wir uns das an!
00:00:38: Aber
00:00:38: so machen wir es.
00:00:41: Ja herzlich willkommen, Horst Zecher, der Stadthistoriker der Stadt Sindelfingen.
00:00:46: Schön dass Sie heute bei unserem Podcast dabei sind.
00:00:50: Ich freue mich auch, dass ich irgendwann da sein
00:00:52: kann.
00:00:52: Hallo Zecher!
00:00:54: Heute haben wir ein spannendes Thema und vor allen Dingen auch für Sindelfingern einen Entscheidendes Thema, nämlich die Ansiedlung von Daimler in Sindelfingen.
00:01:04: Man spricht von Daiemler oder man schafft beim Daimleur, da ist Daimlar hier in der Stadt und das hat eine Schnapszahl.
00:01:13: Datum jetzt.
00:01:15: Welches?
00:01:16: Hundertelf Jahre.
00:01:17: In nineteenhundertfünfzehn ist die Sache über die Bühne gegangen und hat die Geschichte der Stadt in einem Maße verändert wie kein anderes Ereignis vorher.
00:01:29: Daimler ist ja gekommen, wie Sie sagen, aber nicht als Fabrikant von Automobil.
00:01:37: Sondern
00:01:39: als Fabrikannt von Flugzeugen.
00:01:40: Also man muss es in die Zeit einordnen, wir befinden uns im Ersten Weltkrieg und es würde schnell deutlich dass das Flugzeug als Kriegswaffe eine immer wichtigere Rolle spielte.
00:01:57: Die deutsche Militärverwaltung hatte den Flugzeugbau bis dahin so ein bisschen verschlafen.
00:02:01: Das heißt, man musste schnell schauen wie man nachholen konnte und dann schaute man sich um nach einem Technologieunternehmen das man für fähig hielt jetzt Flugzeuge zu bauen weil bis jetzt hat er das ja niemand getan Und wurde dann bei der damaligen Daimler Motorengesellschaft fündig und hat mit der Daimlers Motoren-Gesellschaft vereinbart, dass die jetzt Flugzeuge bauen sollen.
00:02:26: So fing dieser Flugzeugbau bei Daimlar im Ersten Weltkrieg an.
00:02:32: Was ja ganz interessant ist da... Es ist ja fast gleichgeschaltet mit der Entwicklung des Böblinger Flughafens.
00:02:39: nicht das Landesflughafen.
00:02:41: Der kam später
00:02:42: aber
00:02:44: Militärstandortsböblingen.
00:02:47: Es gibt aber im Werk von Daimler, wenn ich es richtig weiß sogar noch die alte Start- und Landebahn, die natürlich heute nicht mehr benutzt wird, aber die ist auch vorhanden im Werk.
00:02:58: Stimmt das?
00:02:59: Also das weiß ich nicht, könnte ich mir aber vorstellen, wenn zufällig der Platz noch frei.
00:03:06: Dieser Zusammenhang zwischen dem Militärflughafen und der Daimler-Ansiedlung ist ein ganz spannender.
00:03:12: Es fing damit an, dass der damalige Garnisonsverwaltungsdirektor Bauer aus Stuttgart sich in Sindelfingen meldete zeitgleich in Böblingen mit dem Hinweis, das ein Militäreflugplatz auf der Ebene zwischen Böblingen und Sindelfingern gebaut werden sollte also etwa die Fläche des heutigen Flugfällenes.
00:03:32: Das war im Juni, und möglicherweise wäre der Verwaltungstirektor gar nicht auf die Idee gekommen, wenn es nicht ein sehr trockener Sommer gewesen wäre.
00:03:45: Weil diese Wiesen im Allgemeinen feucht sind und sich nicht besonders gut als Stadt- und Landebahn eignen.
00:03:52: Aber es war trocken und man hatte Zeitdruck, und man musste irgendwo Plätze finden.
00:03:57: Und da ja Frankreich ein Hauptkriegsgegner war und die Entfernung zu Frankreich von hier aus nicht groß ist, kann man also auf die Idee diesen Flugplatz dort einzurichten und ging auf die beiden Gemeinden zu.
00:04:13: In Sindelfingen stieß dieses Ansinnen durchaus auf ein positives Echo.
00:04:19: Und im Gemeinderat wurde zum Beispiel darüber gesprochen und da hieß es, dass auf hisicher Markung großer Wiesenbesitz vorhanden ist.
00:04:27: kann wohl eine Abgabe der benötigten Fläche ohne nennenswerte wirtschaftliche Schädigung der Gemeinde
00:04:33: erfolgen.".
00:04:34: Also das war die interne Sprachregelung.
00:04:37: extern gegenüber dem Garnisonsverwaltungsdirektor Bauer hörte sich die Sache schon anders an.
00:04:43: Da hieß es nämlich dann, dass man... Es ist dies eine Fläche die wirtschaftlich stark ins Gewicht fällt und im Wirtschaftsleben der Gemeinde einen starken Verlust bedeutet.
00:04:55: Also das ist nebenher gesehen so ein schönes Beispiel für Kommunalpolitik oder für politisches Handeln also der damalige Stadtschuld heißt.
00:05:06: Hörmann wusste schon wenn er jetzt mit der Garnissonsverwaltung verhandelt, dann möchte er gerne was rausholen.
00:05:13: Denn wirtschaftlich war Sindelfingen zu dieser Zeit nur bestenfalls durchschnittlich entwickelt.
00:05:20: Das lag an einer schlechten Verkehrsanbindung.
00:05:22: Man hatte gerade erst den Bahnhof bekommen.
00:05:25: auch die Straßenanbindung war nicht besonders gut und man war vor allen Dingen gegenüber dem rivalen Böblinge ins Hintertreffen geraten.
00:05:34: Und nun wusste man das bei der Anlage des Flugplatzes Die Verwaltungs- und Wirtschaftsgebäude wieder auf Böblingergemarkung kommen sollte, also man fürchtete die nächste Benachteiligung.
00:05:48: Und deswegen war eben diese Antwort an den Verwaltungstirektor mit dem Hinweis verbunden.
00:05:54: Man möchte doch gerne für die Abgabe dieser Wiesen eine Industrieansiedlung, eine militärische oder industrielle Ansiedlung haben um sozusagen einen wirtschaftlichen Ausgleich für die abgegebenen Flächen zu erzielen.
00:06:09: Und so kam dann Daimler
00:06:10: eben
00:06:11: nach Sintelfingen?
00:06:12: Genau!
00:06:14: Diese Idee ist Insofern interessant, weil sie sich mit einer unglaublichen Geschwindigkeit vollzogen hat.
00:06:21: Also es ist tatsächlich von der Nachricht des Garnissonsverwaltungsdirektors Bauer am fünften Juni, bis zur Vertragsratifizierung durch den Gemeindeverrat am neunten Juli vergehen.
00:06:41: Das heißt also man kann davon ausgehen und das kann man auch belegen dass gar nicht sonst Verwaltungsdirektor Bauer die Daimler Motorengesellschaft schon in der Hinterhand hatte.
00:06:53: Das heißt, ab Mai wusste Daimlers wir müssen Flugzeuge bauen und wir können das in Untertürkheimen nicht tun weil die Fläche dort nicht ausreicht.
00:07:02: Wir brauchen also eine neue Werksfläche möglichst in der Nähe, also nicht allzu weit weg.
00:07:08: Und jetzt kommt der Sindelfinger-Stadtschuld heiß und sagt, naja so wir hätten da große Flächen anzubieten aber wir würden gerne da eine Industrie haben das heißt es passte alles zusammen.
00:07:20: Die Geschichte ging unglaublich schnell und wenn man sieht dass der erste Vertrag zwischen Daimler unter Stadt gerade mal vier locker beschreibende Schreibmaschinenseiten umfasst dann merkt man auch, dass sich die beiden Parteien einig waren.
00:07:35: also hatte nicht das Gefühl jetzt groß, was regeln zu müssen.
00:07:40: Abgesehen davon, dass man natürlich durch die Kriegsumstände auch unter Zeitdruck stand?
00:07:47: Einer der besonderen Menschen, die da eine Rolle spielen war jetzt nicht nur
00:07:54: gesagt
00:07:55: Herr Bauer sondern
00:07:56: nachher auch Hans Klemm,
00:07:58: der ja einer der ersten Konstrukteure war, der sich mit dem Bau von Flugzeugen-Motoren in Sindelfeng im Daimlerwerk befasst hat.
00:08:07: Also Daimler hat sozusagen an Klem untervermietet, als die Fabrik gebaut war und vor allen Dingen, als man dann in der Nachkriegszeit zunächst mal diese großen geschaffenen Flächen gar nicht mehr benötigt hat.
00:08:21: Denn zunächst einmal war ja der Flugzeugbau überhaupt verboten und wurde dann nur in sehr kleinen Dimensionen von den Siegermächten des Ersten Weltkrieges wieder erlaubt.
00:08:33: Für die Daimler-Motormgesellschaft war das auch eine geschickte Gelegenheit, ein bisschen was einzunehmen indem man eben Teil dieser Flächen an die Firma Klemm vermietete.
00:08:44: Nachher ist es ja auseinander gegangen und Klemm ist nach Böblingen gegangen und das Daimlarwerk hat ja die Flächen auch selber wieder benötigt.
00:08:53: Wie erfolgreich waren diese Ansiedlungen dann?
00:08:56: mit Flugzeugen wie mein?
00:08:58: Fünfzehn bis Achtzehn?
00:08:59: Das waren wahrscheinlich zweieinhalb Jahre noch die der Krieg wehrte, wie erfolgreich war das Daimler Flugzeug oder was auch immer Daimlers geliefert hat.
00:09:11: Vermutlich auch Motoren für andere Flugzeuge.
00:09:14: Also Daimlar hat gebaut eigene Flugzeugen vor allen Dingen aber auch Lizenzmodelle und erst gegen Ende des Krieges dann Flugmotoren.
00:09:24: Das ganze Unternehmen krankte von Anfang an Baummittelknappheit, das heißt die Baustoffe waren unheimlich knapp.
00:09:32: Der Aufbau des Werkes ging nicht so zügig vorwärts wie man sich das seitens Daimlers gewünscht hätte.
00:09:38: Gleichzeitig kam auch die Stadt mit ihren Infrastrukturmaßnahmen nicht so schnell nach.
00:09:43: also man muss sich vorstellen in dem Vertrag war vereinbart dass der Gas- und Wasseranschluss drei Wochen nach Vertragsabschluss hergestellt ist.
00:09:52: Das müsste man sich jetzt in heutigen Zeiten mal vorstellen, aber auch damals war das nicht zu schaffen.
00:09:59: Wie groß waren Sindelfingen damals?
00:10:00: Sindelfing hatte viertausend sechshundert Einwohner und das Daimlerberg hatte am Ende des Ersten Weltkrieges also im Oktober bin ich fünftausends sechshunderte Beschäftigte.
00:10:11: Das heißt, man muss sich das mal in der heutigen Dimension vorstellen.
00:10:15: Also stellen wir uns vor heute würde es sich in Sindelfingen ein Industriewerk ansiedeln, das in drei Jahren achtzigtausend Beschäftigte hätte.
00:10:23: Dann kann man sich die Dimension dessen vorstellen was da auf Sindelfingern zugerollt ist.
00:10:28: Das war in keiner Weise zu bewältigen weder was den Wohnungsmarkt anbetrifft vor allen Dingen nicht was die Versorgung anbetraf, weil es war ja ohnehin eine sehr, sehr schwierige Versorgungslage im Ersten Weltkrieg.
00:10:42: Und die hat sich in Zindelfingen noch mal potenziert, der Anzahl der Ortsansässigen Bevölkerung berechnet.
00:10:52: Das war ja alles rationiert, das heißt es wurden immer die Zahlen von paar Monaten vorher genommen und es funktionierte natürlich überhaupt nicht mehr.
00:11:01: wenn jeden Monat hunderte von neuen Arbeitern zum Daimler kamen dann war die Versorgung katastrophal.
00:11:08: also es gibt einen einen Bericht der Firma Daimlers aus dem Jahr Hier bekommt man ja tageweise nicht einmal Brot, ein Missstand der sicher bis jetzt in Württemberg noch in keiner Stadt außer hier vorgekommen ist.
00:11:29: Die Gesamtstimmung unserer Arbeiterschaft ist derart dass wir uns aufs Schlimmste gefasst machen müssen besonders wenn sich die Vorfälle wiederholen sollten das unsere Küche ohne Kartoffeln und ganz Sindelfingen tagelang ohne Brot zeigt, was natürlich der Nebeneffekt von dieser Versorgungsproblematik war.
00:11:52: Diese ohnehin schon revolutionäre Stimmung unter der Arbeiterschaft hat sich natürlich nochmal verstärkt weil wenn die schon zu wer weiß was für Arbeitsleistungen angetrieben wurden und dann noch schlecht versorgt, dann waren die Voraussetzungen einfach schlecht.
00:12:08: Wann erfolgte denn der Umstieg vom Flugzeug zum Auto?
00:12:15: Also interessant ist, dass von der Daimler Motorengesellschaft aus das Werk von Anfang an als Automobilwerk angelegt war.
00:12:25: Das heißt man hat gewusst die Kriegszeit ist eine
00:12:30: Übergangszeit,
00:12:31: es dauert eine gewisse Zeit.
00:12:33: Wir planen aber schon für die Zeit nach dem Krieg und wir bauen schon ein Autowerk.
00:12:38: Der Siegeszug des automobils war allmählich abzusehen.
00:12:45: Die Firma Daimler hat sehr weitsichtig gedacht und die Anlage des Werkes so geplant, dass schon ganz am Ende des Krieges angefangen wurde das zum Automobilwerk umzurüsten.
00:13:01: Also auch hier eigentlich ein Phänomen was sich übrigens im Zweiten Weltkrieg in ähnlicher Form wiederholt hat man hat seitens der Wirtschaftsführer spätestens aus dem Jahr Das heißt, wir gucken schon mal wie geht es denn nach dem Krieg weiter.
00:13:17: Der Krieg interessiert uns eigentlich nicht mehr weil den müssen wir halt jetzt noch irgendwie abwickeln.
00:13:23: Rücken dann gleich anders produziert oder noch was anderes?
00:13:28: Es gab eine kurze Zwischenzeit in der mit den Hilfsmitteln produziert werden mussten die im Werk vorhanden waren.
00:13:37: das heißt Die Alliierten haben nicht leicht den Autobau erlaubt.
00:13:41: Und wenn man jetzt nicht alle Arbeiter entlassen wollte und irgendwas verdienen wollte, dann hat man sich mit dem beholfen was im Werk vorhanden war.
00:13:48: Das waren große Mengen Holz weil diese Flugzeuge wurden ja aus Holz gebaut.
00:13:54: Mit diesem Holz hat man dann Möbel gefertigt.
00:13:59: Heute würde man sagen Showroom in Stuttgart, da konnte man sich die Daimler Möbel angucken und die konnte man kaufen.
00:14:06: Die dann im Sindelfingerwerk gefertigt wurden.
00:14:09: das war so eine Übergangsproduktion und dann wurde relativ bald mit der Autoproduktion angefangen.
00:14:16: allerdings Ein Schelm ist, wenn wer jetzt an die Gegenwart denkt.
00:14:22: Die Sache hat überhaupt nicht gut funktioniert weil sich Daimler auf das Luxusegment spezialisiert hat und in einer beginnenden Weimarer Republik mit Inflationen und Arbeitslosigkeit und Armut waren diese Autos einfach nicht verkäuflich.
00:14:40: Das heißt die Modellpolitik von Daimlers war so dass an anderen Stellen schon mit Fließband produziert wurde und hier wurde immer noch in der Manufaktur von handgefertigt wunderschöne Autostolle, tolle Fahrzeuge aber eben kaum verkäuflig.
00:14:55: Und das Ganze besserte sich erst im deutlichen Ausmaß, neunzehnt sechsenzwanzig mit Defusionen mit Benz zur Daimler-Benz AG.
00:15:05: da hat man dann auch die Modellpalette umgestellt.
00:15:08: Das heißt im Gegensatz zu Anderen Gegenden war für Sindelfingen nicht das Ende der Inflation, der Beginn des Aufschwungs, sondern diese Fusionen.
00:15:21: Gibt es von den Möbeln noch irgendwo Stücke zu sehen?
00:15:25: Also ich kenne ein einziges Foto aus dem Daimler Archiv aber ich wüsste nicht dass die Gegenständlich noch irgendwo vorhanden wären.
00:15:32: also Ich habe mich auch schon mal drum bemüht Aber hab keine gefunden.
00:15:36: Sie sehen schick aus!
00:15:37: Also wäre bestimmt schön wenn man heute eins hätte.
00:15:41: Und von den ehemals fünftausend Mitarbeitern in Kriegszeiten, wie viel sind davon nach Kriegsende übriggeblieben?
00:15:50: Also zum Teil ist die Belegschaft unter tausend Personen gesunken und wie gesagt dann eigentlich erst so ab neunzehntundzwanzig sechsund zwanzig wieder dann tatsächlich angestiegen.
00:16:05: Das hatte auch damit zu tun dass Natürlich viele dieser Arbeiter, sehr kurzfristig von irgendwo hierher gebracht wurden und bei Kriegsende dann auch froh waren wieder in ihrer Heimat, irgendwo in Deutschland kommen zu können.
00:16:21: Also die wurden ja aus allen Teilen Deutschlands, wurden ja Spezialisten dann hergeholt um diese Flugzeuge zu bauen Und viele von denen hatten auch keinen Anspruch oder keinen ernsthaften Grund dann in Sindelfingen zu bleiben nachdem dieses Intermezzo-Flugzeugbau vorbei war.
00:16:40: Gab es dann, oder wie
00:16:43: war
00:16:43: die Kooperation mit
00:16:44: Unterdrückheim dem eigentlichen
00:16:46: Firmensitz?
00:16:48: Hat man
00:16:48: da sich dann abgestimmt ihr baut das wir bauen die Teile Wir brauchen die arbeitenden und ihr nehmt die anderen?
00:16:56: oder Wie muss man sich das vorstellen?
00:16:59: Oder war Sindelfingen einfach immer schon eigenständig komplett selbständiges Werk?
00:17:04: also Es gab Immer diese Konzernzentrale, ich denke wenn man es mit den heutigen Zuständen vergleicht gab es damals eine größere Selbstständigkeit des Werkes.
00:17:15: Das gab's ja bis vor ein paar Jahrzehnten meine ich auch hier.
00:17:18: also diese Zentralisierung ist er jetzt noch nicht so alt.
00:17:24: Also die wirklichen Entscheidungen wurden schon in Untertürkheim gefällt und Sindelfingen war die Filiale schon damals aber vielen Möglichkeiten eben auch selbstständig zu agieren.
00:17:36: Also man merkt es zum Beispiel, bei dem ganzen Grundstückskauf, also das war ja auch ein gewaltiger Akt.
00:17:48: Es müssen im Endeffekt mit hundertneinundsechzig Grundstückbesitzern verhandelt werden um überhaupt diese Fläche zu bekommen.
00:17:57: und Das hat eine Verhandlungsdelegation von Daimler vor Ort und vom Gemeinderat gemacht, weil Daimlar gesagt hat machen wir nicht allein da beteiligt ihr euch bitte.
00:18:08: Und es wurde ein Fixpreis festgelegt für diese Fläche.
00:18:15: der lag bei Achtunddreißig Pfennig für den Quadratmeter.
00:18:18: das war damals durchaus normaler Preis also er war jetzt nicht übermäßig gedrückt oder billig.
00:18:26: Aber klar war, dass die Grundstücksbesitzer das natürlich nicht für diesen Preis hergeben wollten nachdem sie gemerkt haben.
00:18:33: Die Stadt ist darauf angewiesen und plötzlich konnte man diese sumpfigen Wiesn-Grundstücke versilbern und hat Preise verlangt, die jenseits von Gut und Böse waren.
00:18:46: also es gibt einen Bericht Vom Juli-Ninzehnhundertfünfzehn im Sindelfinger Gemeinderat, da berichtet diese Kommission zum Kauf der Grundstücke und erzählt folgendes.
00:18:58: Der bestellte Ausschuss berichtet über den Gang der Grundstützkäufe für die Firma Daimler Motorenwerke und betont dass das Geschäft teilweise sehr unerfreulich sei weil manche Grundstücksbesitzer sich recht streitig zeigten und Preise verlangten, die in gar keinem Verhältnis zum Wert und zur Lage der Grundstücke stehen.
00:19:18: Und jetzt kommt's.
00:19:19: Rücksicht auf die Allgemeinheit sei meist wenig zu finden – wohl aber krasse Habsucht!
00:19:25: Das ist natürlich kein gutes Zeugnis für die Sindelfinger-Grundstücksbesitzer.
00:19:30: Aber es war zu erwarten, zumal Daimler sehr bald das Gelände, das sie abisiert haben nochmals vergrößert hat.
00:19:39: D.h.,
00:19:40: es kamen dann nochmal Grundstüge dazu Und man fing mit diesen thirty-fünf Pfennigpro Quadratmeter an und landete am Schluss irgendwo bei zwei Mark.
00:19:49: Das heißt, die Stadt hat diese Ansiedlung von Daimler damals mit etwa seventy-sechtausend Reichsmark subventioniert was übrigens gar nicht so ungewöhnlich war.
00:20:01: also man denkt immer naja der große Daimlar hat die kleine Stadt da erpresst aber dass man für Industrieunternehmen ausgesprochen günstige Konditionen zur Verfügung stellte.
00:20:12: Das war zu damaligen Zeit üblich, das galt auch für andere Industrien bis dahin, dass man Grundstücke kostenlos für Industrierunternehmen zur Verfügung stelle.
00:20:22: also insofern war es wahrscheinlich ein relativ normaler Vorgang und man hat sich eben gedacht naja das wird schon wieder reinkommen über die Steuer hat aber dann eben ein paar Jahre gedauert.
00:20:35: Also der Stadtschuld heißt, musste sich Anfang der Zwanzigerjahre auch Anfeindungen erwehren die gesagt haben jetzt hast du uns diese Riesenfirma da an das Bein gebunden und wir haben gar nichts davon weil es fließt überhaupt kein Geld.
00:20:52: Das wurde dann wie gesagt erst Mitte der zwanziger jahre profitabel
00:20:56: Verglichen mit den heutigen Ausmaßen.
00:20:59: Wie groß war das Werksgedände damals?
00:21:03: Also ich würde mal sagen, das Werksgelände von... ...Maximal ein Zehntel.
00:21:12: von dem ausgemacht war es jetzt wahrscheinlich noch weniger.
00:21:16: Das war für die damalige große Sindelfingens enorm groß aber im Verhältnis zu heute ein kleines Fleckchen.
00:21:26: Aber die Ansiedlung hat ja auch wenns Anfeindungen gab in der Richtung des Bürgermeisters Hörmann, aber die Ansiedlung hat ja letztendlich trotzdem ein Stück weit auch einen Aufschwung für Sindelfingen gebracht.
00:21:40: Weil es ist ein Wohnungsmarkt entstanden, es ist eine Arbeitsmarkt entstanden also die Menschen konnten endlich
00:21:48: in der
00:21:48: Industriearbeitsplätze finden und mussten nicht mehr unbedingt auf dem Feld arbeiten oder im klassischen Handwerk.
00:21:57: Wie hat sich das denn entwickelt?
00:21:58: parallel?
00:21:58: Gab es überhaupt genug Wohnungen oder wo sind Siedlungen entstanden?
00:22:02: Also, Wohnungsnot ist seit Jahrzehnten das Dauertema in Sindelfingen gewesen und das ist auch nicht mehr weggegangen.
00:22:10: Interessant ist dass die Stadt trotz der Notsituation nach dem Ersten Weltkrieg und ich denke da zeigt sich auch wieder mal die Weitsicht von Stadtschuld Heiß-Hörmann Nicht einfach irgendwo wild drauf losgebaut hat, sondern angefangen hat systematisch Siedlungen unter bestimmten Gesichtspunkten anzulegen.
00:22:30: Stichwort Gartenstadt-Siedlungen – also die Schnödeneksiedlung war die erste, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden ist Und man hat schon sehr genau darauf Wert gelegt und sich gedacht, wir wollen keine Industrie-Arbeitergettos entstehen lassen bei uns in der Stadt.
00:22:47: Sondern wir legen Wert drauf, dass es kleine Wohneinheiten sind, in denen sich die Menschen über Gärten auch zum guten Teil selbst versorgen können.
00:22:56: So sind diese Siedlungen entstanden.
00:22:57: Die Schnödenekssiedlung war ein klassisches Beispiel dafür.
00:23:00: Es ging dann weiter mit der Zimmerplatzsiedlung.
00:23:04: Das sind alles, würden wir ja heute noch sagen sehr wohnfreundliche Siedlungen und sehr bewohnbare Siedlungen.
00:23:13: Und ich glaube man hatte schon im Auge diese Industriearbeiterschaft die dann Richtung KPD abbiegt wenn sie nicht irgendwo gute Bedingungen oder vielleicht auch ein bisschen eigenen Besitz erhält und das wollte man in Sindelfingen ganz bewusst anders machen.
00:23:32: politische Entwicklung anguckt, muss man auch ehrlicherweise sagen hat die KPD in Sindelfingen nie eine große Rolle gespielt.
00:23:39: Sondern es waren immer die Sozialdemokraten.
00:23:42: das heißt wirklich diese gemäßigte Richtung und ich glaube dass ist auch dieser weitsichtigen Stadtpolitik zu verdanken.
00:23:51: Man ist aber dem Wohnungsmarkt immer auch ein Stück weit hinterhergelaufen.
00:23:55: Aber
00:23:55: der Arbeitsmarkt ist ja auch aufgeblüht?
00:23:58: Ja, absolut!
00:23:59: Also man muss ehrlicherweise sagen der große Aufschwung kam dann mit zeitgleich mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten.
00:24:08: das hatte einmal mit dem allgemeinen wirtschaftlichen aufschwungen zu tun der schon neunzehntonzeinunddreißig erkennbar war.
00:24:15: also heute weiß man ich sage es jetzt mal Salopp Man war eigentlich schon auf dem Aufsteigenden Ast und die Hochzeit der Nationalsozialisten, das zeigen ja auch.
00:24:25: Die letzten demokratischen Wahlen waren eigentlich schon vorbei als man sie dann an die Macht gebracht hat oder an die macht gelassen hat.
00:24:34: aber dieser Siegeszug des automobils war einmal eine allgemeine Erscheinung in dreißiger jahren und dann natürlich in deutschland speziell nochmal von den nationalsozialisten gefördert.
00:24:44: also sindel fingern hatte zweifacher hin sich profitiert Und wir sehen dann schon in den dreißiger Jahren, wie sich die Verhältnisse grundlegend ändern.
00:24:53: Also Mitte der Dreißigere Jahre wird über die Anlage von Tennisplätzen und der Bau eines Freibades diskutiert.
00:25:01: Das müssen diese Bauern, die zwanzig Jahre vorher noch ihrer Ecker nicht verkaufen wollen für die muss das eine völlig unverständliche Welt gewesen sein.
00:25:11: Und das ist auch ne ganz spannende Beobachtung wie sich dieses soziale Gefüge verändert und wie es einen Teil der Bevölkerung gibt.
00:25:22: Das können wir auch an Wahlergebnissen ablesen, die mit diesem Weg in die Moderne nicht mitgehen wollen oder können.
00:25:30: Also auch Hörmann hat ihn den letzten Amtsjahren – er ist ja von dem Amt im Jahr neunzehntundertzweiunddreißig geschehen noch deutlichen Gegenwind bekommen, politisch weil es einfach einen Teil der Bevölkerung gab den das alles zu schnell und in die falsche Richtung gegen was da passiert ist.
00:25:47: In der Rückschau ist das aber für Sündelfinger trotzdem ein Glücksfall gewesen
00:25:52: Absolut.
00:25:53: Also wir sehen ja dann eine praktisch ungebremste Zeit des Aufschwungs und wenn man ehrlich ist, kann man sagen die ist kurz durch den Krieg unterbrochen.
00:26:02: Die fängt aber neunzehner zweiunddreißig an.
00:26:06: Und geht ja bis zu dem ersten großen Gewerbesteuereinbruch Ende der achtziger Jahre eigentlich ungebremst fort und da war letztendlich aufgrund der finanziellen Möglichkeiten gab es ja fast keine Grenzen mehr.
00:26:22: Also wenn man jetzt an Glaspalast, an Hallenbad ist wieder ganz neu im Gespräch und an solche Dinge denkt dann wurde eine Infrastruktur geschaffen die natürlich weit jenseits von dem liegt was sich eine Stadt eigentlich leisten könnte und das ist natürlich auf diesem großen Steuerzahler zurückzuführen.
00:26:42: also gar keine Frage.
00:26:44: Bis heute sind sehr qualifizierte Arbeitsplätze und Arbeitsplätzen, die gut bezahlt sind.
00:26:52: Die hier in der Region sind.
00:26:53: also insofern ist das was Sindelfingen von Daimler profitiert hat natürlich weit weit mehr als das was an Problemen passiert.
00:27:03: zu den Problemen.
00:27:04: Das ist jetzt vielleicht ein bisschen verniedlichend gesagt, muss man natürlich auch die Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg nehmen und das Thema Zwangsarbeiter – auch das ist eben untrömbar mit Daimler
00:27:36: verbunden.".